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Akademien der Wissenschaften Schweiz  
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Tagungsbericht

Wissenschaftskommunikation: Chance und Grenzen

 


(mz/ms) An der Auftaktveranstaltung zur Reihe «Wissen schafft Dialog» der Akademien der Wissenschaften Schweiz im Convention Point in Zürich nahmen 180 Personen teil. Das Interesse der Bevölkerung an der Wissenschaft ist ausserordentlich hoch und die Wissenschaftskommunikation boomt. Die beteiligten Akteure verfolgen jedoch unterschiedliche Interessen und die Anforderungen an eine gelungene Wissenschaftskommunikation sind ambitiös: Gefordert werden Verständlichkeit, Qualität, Glaubwürdigkeit und eine verlässliche, interessensfreie Bewertung der Information.

 

Die ReferentInnen und DiskusssionsteilnehmerInnen waren sich einig: Die Bevölkerung interessiert sich für die Wissenschaft. Kurt Imhof unterstrich, dass Wissen und Wissensvermittlung für die Moderne konstitutiv sind. Auch die Politik würde gemäss Kathy Riklin ohne wissenschaftliche Expertise nicht funktionieren. Der Wissenstransfer in allen Formen ist schliesslich für die Wirtschaft zentral. Anhand von empirischen Untersuchungen ermittelte Fabienne Crettaz von Roten, dass rund 90% der Bevölkerung an der Wissenschaft und deren Erkenntnissen interessiert sind. Aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen widerlegte sie denn auch das oft kolportierte Vorurteil, dass Wissenschafter, die viel in der Presse schreiben, weniger in den Fachzeitschriften publizieren. Das Gegenteil trifft zu, es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen diesen beiden Formen des Publizierens. Stephan Russ-Mohl diagnostizierte einen eigentlichen Boom der Wissenschaftsvermittlung über die letzten zehn Jahre: Die meisten Universitäten haben ihre Kommunikations-abteilungen ausgebaut. Auch die Redaktionen von Zeitschriften oder Radios sind mit Wissenschaftsjournalisten gut dotiert. Dennoch zeichnen sich eine Reihe von Schwierigkeiten ab.

 

Die an der Wissenschaftskommunikation beteiligten AkteurInnen verfolgen unterschiedliche Interessen

WissenschaftlerInnen und JournalistInnen verfolgen teilweise gegenteilige Interessen. Die WissenschaftlerInnen wollen Bekanntheit erlangen, Legitimation und Akzeptanz schaffen; für JournalistInnen stehen hingegen der Neuigkeitswert und das Unterhaltungsmoment im Vordergrund. Sozio-ökonomische Faktoren, aber auch geschlechts- und altersspezifische Präferenzen erklären die unterschiedlichen Präferenzen und Interessen der Bevölkerung. Auffallend ist insgesamt, so Fabienne Crettaz von Roten, dass sich die Bevölkerung stark für die Wissenschaft interessiert und im Prinzip mehr wissen will.

 

Die Wissenschaftsvermittlung verlangt Qualitätsjournalismus

Der Qualitätsjournalismus steht unter Druck und befindet sich, wie Stephan Russ-Mohl bemerkte, zunehmend in einem eigentlichen Bermuda-Dreieck: Wissenschafts-PR untergräbt das Vertrauen, die Leserschaft der Qualitätszeitschriften erodiert und die personellen und zeitlichen Ressourcen der Redaktionen nehmen ab. Kurt Imhof geht noch weiter: Er diagnostiziert eine Auflösung der Ressortstruktur bei den Medien. Die Ressortstruktur war gleichzeitig eine Struktur für die Beobachtung und die Selektion der Informationen: Durch ihren Zerfall werden Nachrichten anders gefiltert und zielen darauf, möglichst viel Aufmerksamkeit einzuholen. Eine zunehmende Personalisierung, Skandalisierung, Darstellung des Privaten und des Intimen, eine eigentliche Empörungsbewirtschaftung, sind die Folgen. Mit dramatischen Folgen vollzieht sich im öffentlichen Diskurs eine Verschiebung von kognitiv-normativen hin zu moralisch-affektiven Inhalten: Der rationale Diskurs wird unterlaufen, weil moralisch-affektive Positionen nicht rational debattiert werden können. Mit negativen Folgen auf die öffentliche Meinungsbildung kehren Irrationalismus und Populismus zurück

 

Ein heterogens Publikum interpretiert eigensinnig

Wie festgehalten, bestimmen eine Vielzahl von sozialen und ökonomischen Determinanten die Präferenzen eines grundsätzlich hoch interessierten Publikums. Wie Fabienne Crettaz von Roten hervorhob, wird indes nicht nur die Selektion der Information, sondern auch deren Bewertung und Einordnung durch soziale Determinanten bestimmt. Unterschiedliche Einstellungen und Werthaltungen führen zu unterschiedlichen Interpretationen der von der Wissenschaft kommunizierten Fakten. Als naiv erweist sich im Lichte dieses Befundes die doch noch verbreitete Vorstellung, man müsse das Publikum bloss über die Fakten aufklären. Bisweilen kann die Wissenschaft die öffentliche Nachfrage ganz einfach nicht bedienen, weil sie sich nicht mit den Fragen befasst, welche das Publikum bewegen. Sara Stalder betonte seitens der Stiftung für Konsumentenschutz, dass das Publikum verlässliche und bewertete Informationen wünscht. Die Anforderungen der Bevölkerung an wissenschaftliche Information unterscheiden sich letztlich nicht von denjenigen der Wissenschaft selbst: die Quellen sind offen zu legen, die Geltungsbestimmungen und Reichweite sollen wie die noch offenen Fragen und Unsicherheiten bekannt gegeben werden. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die oft beklagte Skepsis der Bevölkerung einer wissenschaftlichen Grundhaltung entspricht, ist doch Wissenschaft «organisierter Skeptizismus», welcher gemäss spezifizierten Regeln verläuft.

 

Empfehlungen der ReferentInnen für die Wissenschaftskommunikation

Stephan Russ-Mohl empfielt, die Wissenschaftskommunikation dezentralisiert zu fördern, mehr Anreize für Wissenschafter zu schaffen, selbst zu kommunizieren, die  Redaktionen vermehrt mit Naturwissenschaftern und Medizinern zu bestellen, hingegen in den Zeitungen vermehrt über die Geistes- und Sozialwissenschaften zu berichten und schliesslich die Qualität der Berichterstattung zu verbessern. Wie Stephan Russ-Mohl, so plädiert auch Fabienne Crettaz von Roten für eine erhöhte Anerkennung der Kommunikationsleistungen im akademischen Betrieb. Insbesondere ist das empirisch nicht begründete Vorurteil auszuräumen, dass häufige Auftritte in der Öffentlichkeit mit minderwertiger akademischer Arbeit einhergeht. Überdies empfiehlt sie, über ein ‚Upstream-Engagement’ die Anliegen der Öffentlichkeit frühzeitig zu erkennen. Walther Zimmerli verwies auf die dem Wissenschaftssystem inhärente Spannung zwischen Geheimhaltung und Offenlegung. Wissenschafter legen bisweilen ihrer Erkenntnisse nicht offen, weil sie Plagiate befürchten; ebenso ist es nicht opportun, mit noch wenig gesicherten Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu treten. Kurt Imhof seinerseits betonte, dass die aufklärende Rolle der Wissenschaft gefährdet ist und regte die Gründung einer Stiftung an, um Qualitätsmedien finanziell zu sichern.

 

Podiumsdiskussionen und Rolle der akademien-schweiz

WissenschaftlerInnen haben keine oder mangelnde Medienkenntnisse, Journalisten haben keine oder mangelnde Wissenschaftskenntnisse, so liesse sich die erste Diskussionsrunde zugespitzt zusammenfassen. Jedenfalls ist die Vertrauensbasis zwischen den beiden Welten zumindest prekär. WissenschaftlerInnen sollten zudem den Mut aufbringen, die Leserschaft auch zu unterhalten. Überdies sollten wissenschaftliche Erkenntnisse kontextualisiert werden. Dies bedeutet jedoch zwingend, dass der Forschende die engen Grenzen seines Spezialgebietes verlassen muss. Gefordert ist also Interdisziplinarität, da kein reales Problem disziplinär strukturiert ist. Fraglos war denn auch, dass Wissenschaftskommunikation verständlich, glaubwürdig und von hoher Qualität sein muss. Sämtliche Vertreter von Wissenschaft und Forschung zeigten sich gewillt, in allen Bereichen der Kommunikation mehr Gewicht und Anerkennung einzuräumen. Einen Beitrag zur Verständlichkeit, zur Bewertung sowie auch einer Kontextualisierung und Synthetisierung könnten die Akademien der Wissenschaften Schweiz leisten. Auch das «Upstream-Engagement» würde sich bestens in ihr Portfolio einfügen.

 

Die Referate der Tagung sind online (www.sagw.ch/veranstaltungen). Auf dem Blog sciencesofa.info können die Themen der Tagung weiterdiskutiert werden (www.sciencesofa.info).